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ADHS beim Kind erkennen: 10 Anzeichen – und 4, die harmlos sind

Ist mein Kind einfach lebhaft oder steckt ADHS dahinter? Eine Psychopädagogin erklärt, worauf es wirklich ankommt – und wann Sie handeln sollten.

Von Daniella Lenecke 6 Min. Lesezeit

Es gibt diesen Moment, den fast alle Eltern kennen, die irgendwann bei mir sitzen. Meistens passiert er abends, wenn das Haus endlich ruhig ist. Man sitzt da, ist erschöpft, und ein Gedanke schiebt sich nach vorn, den man tagsüber gut wegdrücken konnte: Das ist doch nicht mehr normal, oder?

Und dann googelt man. Und findet Listen mit 47 Symptomen, von denen 40 auf jedes Kind zutreffen. Man steht am Ende ratloser da als vorher.

Deshalb hier ein anderer Versuch. Kein Test, keine Diagnose — die kann und darf ich Ihnen nicht geben, dafür sind Ärztinnen und Ärzte zuständig. Aber eine Orientierung, worauf Fachleute tatsächlich schauen.

Zuerst: die drei Fragen, auf die es ankommt

Bevor irgendein einzelnes Verhalten interessant wird, gibt es drei Filter. Sie entscheiden mehr als jede Symptomliste.

1. Ist es altersuntypisch? Ein Fünfjähriger, der nicht zwanzig Minuten still sitzt, ist ein Fünfjähriger. Ein Zehnjähriger, der es nicht kann, ist etwas anderes. Die Frage ist nie „macht mein Kind das?", sondern „macht mein Kind das deutlich stärker als andere Kinder in seinem Alter?"

2. Ist es überall? Das ist der wichtigste Filter überhaupt. Wenn Ihr Kind nur zu Hause ausrastet, in der Schule aber unauffällig ist — dann geht es meistens um etwas anderes als ADHS. Bei ADHS zeigt sich das Muster situationsübergreifend: zu Hause, in der Schule, beim Sport, bei Oma.

3. Tut es weh? Das entscheidende Kriterium, das in Internetlisten fast immer fehlt. ADHS ist erst dann ein Thema, wenn es echten Leidensdruck erzeugt oder das Leben des Kindes nachhaltig einschränkt. Ein wirbelndes, chaotisches, glückliches Kind, das Freunde hat und in der Schule zurechtkommt, braucht keine Diagnose. Es braucht Platz.

Die 10 Anzeichen, bei denen ich genauer hinschaue

Der laute Weg — Hyperaktivität und Impulsivität

  1. Das Kind ist wie von einem Motor angetrieben. Nicht nur lebhaft — es kommt nicht zur Ruhe, auch wenn es erschöpft ist. Abends wird es oft schlimmer statt besser.
  2. Antworten platzen heraus, bevor die Frage zu Ende ist. Nicht aus Frechheit. Der Gedanke ist einfach schneller als die Bremse.
  3. Warten ist körperlich schwer. In der Schlange, beim Spiel, im Gespräch. Das ist kein Mangel an Erziehung, das ist ein Mangel an Bremskraft.
  4. Es redet viel. Sehr viel. Und unterbricht, ohne es zu merken.
  5. Es klettert, kippelt, zappelt, rutscht — selbst dann, wenn es sich anstrengt, es zu lassen.

Der leise Weg — Unaufmerksamkeit

  1. Details gehen verloren. Flüchtigkeitsfehler im Diktat, obwohl das Kind die Wörter kann. Immer wieder. Das ist der klassischste Hinweis überhaupt.
  2. Aufgaben werden angefangen, nicht beendet. Das Zimmer wird aufgeräumt und ist nach zehn Minuten unordentlicher als vorher, weil unterwegs drei andere Dinge interessant wurden.
  3. Es hört zu — und weiß trotzdem nicht, was gesagt wurde. „Der hört mir einfach nicht zu" ist der Satz, den ich am häufigsten höre. Er stimmt meistens nicht. Das Kind hat gehört. Es hat es nur nicht festgehalten.
  4. Sachen verschwinden ständig. Mütze, Trinkflasche, Hausaufgabenheft, Sportbeutel. Reihenweise.
  5. Es vermeidet alles, was länger Konzentration verlangt — und wirkt dabei nicht faul, sondern fast panisch.

Und ein elftes, das nicht in den Listen steht: Der Blick des Kindes, wenn es merkt, dass es schon wieder etwas falsch gemacht hat. Kinder mit ADHS bekommen bis zum zwölften Lebensjahr geschätzt zehntausende Male mehr negative Rückmeldung als andere Kinder. Wenn ich diesen Blick sehe, weiß ich meistens schon genug — nicht über die Diagnose, aber über die Dringlichkeit.

Und jetzt die 4 Dinge, die kein Hinweis auf ADHS sind

Weil auch Entwarnung dazugehört:

  • „Aber am Tablet kann es stundenlang stillsitzen!" Das ist kein Gegenbeweis — im Gegenteil. Kinder mit ADHS können sich hervorragend auf Dinge konzentrieren, die sofortiges, intensives Feedback geben. Das Problem ist nicht die Aufmerksamkeit selbst, sondern ihre Steuerung. Bitte lassen Sie sich mit diesem Satz nicht abwimmeln.
  • Nur zu Hause schwierig, sonst nicht. Siehe Filter 2. Da geht es meistens um Beziehung, Belastung oder Überforderung — auch wichtig, aber ein anderes Thema.
  • Ein lebhaftes Temperament. Manche Kinder sind einfach laut, schnell und viel. Das ist ein Charakterzug, keine Störung.
  • Das ist seit sechs Wochen so. ADHS ist nicht plötzlich. Wenn ein Kind sich innerhalb weniger Wochen verändert hat, ist fast immer etwas anderes los — Trennung, Mobbing, Umzug, Angst. Bitte schauen Sie dort zuerst hin.

Was Sie jetzt tun können

Führen Sie zwei Wochen lang ein einfaches Notizbuch. Kein Gefühlstagebuch — nur Fakten. Datum, Situation, was passiert ist, wie lange es gedauert hat. Zwei Sätze reichen. Diese Notizen sind später beim Kinderarzt wertvoller als jede Erinnerung, weil Erinnerung immer zu den schlimmsten Tagen wandert.

Sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin. Der Weg zu einer Diagnose führt über die ärztliche Praxis, oft weiter in eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Ich kann diesen Schritt nicht ersetzen und will es auch nicht.

Aber warten Sie nicht auf die Diagnose, um zu handeln. Das ist der Punkt, den ich Eltern am dringendsten mitgeben möchte. Wartezeiten von sechs bis zwölf Monaten sind normal. In dieser Zeit muss trotzdem jeden Morgen jemand aus dem Haus, jeden Nachmittag muss irgendwie Mathe passieren. Der Alltag wartet nicht auf ein Schreiben.

Genau dafür gibt es Djungelwege. Ich stelle keine Diagnose — ich schaue mir an, wie Ihr Kind lernt und funktioniert, und wir bauen Werkzeuge, die ab morgen etwas verändern. Vor der Diagnose, währenddessen und danach.

Ihnen kommt vieles davon bekannt vor? Rufen Sie mich an. Fünfzehn Minuten, kostenlos, unverbindlich. Sie müssen nichts vorbereiten und nichts entschieden haben. Ich höre einfach zu — und sage Ihnen ehrlich, was ich denke.

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Daniella Lenecke ist Psychopädagogin (CHL) und Erzieherin und begleitet Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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